Colombia: week #1 – day #1

Bogota, 10. Februar 2019

Es geht los! Um 7:00 klingelt mein Wecker, ich mache mir Joghurt mit Müsli und Obst, fülle meine Trinkflaschen auf und packe sicherheitshalber sogar noch ein Liter in meine Packtaschen ein. Um 8:00 ist mein Fahrrad beladen, meine komplette Ausrüstung ist festgeschnürrt auf meinem Gepäckträger. Ich bin verabredet. Um 8:30 treffe ich Rafael, meinen Warmshowers-Gastgeber bei dem ich vier Tage wohnte, und Cristian. Cristian ist ein weiterer Bekannter, den ich über Warmshowers kennengelernt habe. Wir trafen uns nachmittags in der Stadt auf einen Kaffee, liefen durch die Stadt und saßen später noch lange zusammen. Ich schrieb mir alles genau auf, was er mir sagte und löcherte ihn mit Fragen: Wie viel kostet eine Nacht normalerweise? Was kann ich vegetarisches zu jeder Mahlzeit essen? Wo kann man zelten und nach Hilfe fragen? Cristian und ich verstanden uns super gut, auch wenn ich immer wieder Probleme hatte ihn zu verstehen. Aber Cristian war sehr geduldig mit mir und nach einem langen Nachmittag mit ihm, kam es mir schon so vor, als wären wir viele Jahre befreundet. Er war schon selber mit dem Rad gereist und freute sich richtig für mich mit, dass es bei mir jetzt losging. Während meiner ganzen Reise schrieb er mir regelmäßig und erkundigte sich nach mir.

von links nach rechts: Cristian, Rafael und ich.

Als ich morgens an unserem Treffpunkt ankomme, bin ich allerdings nicht die erste. Ungefähr 100-200 weitere Fahrradfahrer warten auf ihre Verabredungen. Es ist ein riesen Gewusel und ich weiß nicht, wie Rafael und Cristian es schafften mich zu finden. Meine Vorfreude ist groß. Endlich geht es los. Es ist der allererste Tag auf meiner Radreise. Mein Plan ist es mit den beiden den ersten Anstieg zu fahren und sie dann in ca. einer Stunde zu verabschieden und alleine weiter zu fahren. In meinem kleinen Notizbuch hatte ich die nächsten 8 Etappen geplant. Am ersten Tag wollte ich bis Guatavita, einer Stadt 55km von Bogota entfernt, fahren. Vor zwei Tagen war in den Anstieg probeweise schon einmal gefahren und merkte dort schon, wie sich die 2.500m über dem Meeresspiegel anfühlen. Ich spürte, dass meine Beine viel schneller wehtun als sonst. Nun mit Packtaschen habe ich Angst, dass meine Muskulatur direkt zumacht und befürchte, dass ich eventuell stückweise schieben muss. Natürlich ist auch die einzige Ampel, die es auf dem Stück gibt, rot und ich muss am Berg mit 25kg Gepäck anfahren. Ich bin aufgeregt und habe noch keine Vorstellung, wo ich nachts schlafen werde oder wie der Tag so verlaufen wird.

Auf dem Weg nach oben habe ich allerdings nicht viel Zeit zum Nachdenken. Ein Jogger, der die gleiche Strecke zu Fuß bewältigen will, quatscht mich gleich nach fünf Minuten auf dem Rad an. Er fragt auf Englisch, wo ich hinfahre. Ich antworte, dass mein Ziel Cartagena sei, eine Stadt 2500km nördlich von Bogota an der Küste von Kolumbien. Er freut sich total über meine Bekanntschaft, sagt er, denn es wäre schon immer sein Traum gewesen mit dem Rad zu verreisen. Ich sei ihm wegen meiner Packtaschen sofort aufgefallen. Er zögert nicht lange und fragt dann direkt, ob er mitfahren darf. Ich sage, na klar! Warum nicht? Prinzipiell bin ich sehr offen und freue mich über jeden neuen Freund. Oben angekommen, frage ich ihn noch kurz, ob er ein Foto von mir und den beiden Jungs machen kann, die sich den Anstieg mit mir wahrscheinlich auch anders vorgestellt haben. Mit ihnen redete ich während der sieben Kilometer kaum, denn der Jogger wollte alles von mir wissen und unterhielt mich fast durchgängig. Ich verabschiede mich von dem Läufer und von Rafael auf dem Gipfel. Der Läufer wird bergab viel langsamer sein als ich. Nummern haben wir leider nicht ausgetauscht. Rafael fährt zurück in die Stadt.

Cristian begleitet mich noch bis zum nächsten Ort auf der anderen Seite des Bergs. Auf der Abfahrt merke ich, dass ich Probleme mit der Schaltung habe und schon etwas Hunger habe. Wir halten an einer Bäckerei, trinken einen Kaffee und essen unsere mitgebrachten Bananen. Ich bat Cristian um Hilfe meine Schaltung einzustellen, aber er weiß auch nicht, was zu tun ist. Es dauert ungefähr 20 Minuten. Ich entlade das Fahrrad nochmal, suche nach dem Problem online und finde mit der Hilfe von Google raus, wie ich das lösen kann. Ich stelle die Schaltung wieder ein – nämlich indem ich das Rädchen, was vor dem Lenker verläuft und von der Schaltung kommt, etwas nach rechts drehe. Ich belade das Fahrrad wieder, verabschiede mich von Cristian, den ich schon sehr ins Herz geschlossen habe und fahre alleine weiter.

Ich sehe einige Radfahrer, die mir entgegen kommen auf der Strecke. Es stehen Kühe auf den Wiesen rechts und links von der Straße. Ich kann super weit in die dürre Landschaft gucken. Die Straße ist gut asphaltiert und es gibt wenig Verkehr. Die Strecke ist wellig und die Sonne scheint mir ins Gesicht. Ich fühle mich unendlich frei.

Auf einmal überholt mich ein Rad in einer leichten Abfahrt von links. Es ist ein Kolumbianer auf einem Mountainbike mit Helm, Sonnenbrille und Gepäck. Er fährt neben mich, grüßt freundlich, ich grüße zurück, freue mich und frage ihn, wo er hinfährt. Er sagt, er fährt nach Cartagena. Ich freue mich noch mehr und sage, dass ich da auch hin will. Er lacht und dann erst erkenn ich ihn – es ist der Läufer vom ersten Anstieg. Es stellt sich raus, dass er nachdem ich mich von ihm verabschiedet habe, direkt mit dem Bus nach Hause gefahren ist, rasch sein Rad mit Zelt und Kleidung bepackte und mir hinterher jagte. In Kolumbien gibt es nicht viele Landstraßen. Es gibt meistens eine Hauptstraße und so wusste er, wo ich unterwegs sein musste. Dass er mich allerdings so schnell aufholte, das überraschte auch ihn.

Wir fuhren zusammen bis nach Guatavita durch und ich merkte schon, dass ich echt erschöpft war. Ich war heilfroh, als wir endlich in einem Restaurant saßen und mein erstes richtig kolumbianisches Mittagessen bestellten. In Bogota hatte ich nur in sehr modernen Restaurants mit Rafael gegessen. Jetzt gab es, worauf ich mich gefreut hatte. Ein Menü bestehend aus Bohnensuppe und ein Teller voller bunter Speisen. Es gab Reis, Kartoffeln, Polenta, Salat, Ei und noch mehr Bohnen. Ich war so glücklich. Aber Marcos, der Läufer, war noch glücklicher. Er strahlte und sagte mir mindestens fünf mal, dass das für ihn so besonders ist und wie froh er darüber ist, dass er mich heute getroffen hat. Er strahlte über beide Ohren. Wir teilten unsere Freude über die Reise, aber dennoch ließ mich der Gedanke nicht los, dass es gar nicht mehr „nur“ meine Reise ist. Nach dem Mittagessen holten wir uns noch eine Oblea und einen Kaffee, am Kiosk auf der anderen Straßenseite. Marcos erklärte mir, dass Süßspeisen und Nachtische ganz wichtig sind für die Kolumbianer und dass er mir alle zeigen wird. Obleas sind zwei dünne Waffeln, die mit Marmelade, Dulce de Leche und Käse gefüllt sind. Ich verliebte mich in diese Süßspeise und lernte schnell, dass Käse häufig im Nachtisch zu finden ist. Aber es ist geil. Alles, was neu ist, was mich umdenken lässt, begeistert mich. Ob das Käse im Eis ist, eine neue Sprache lernen oder mit einem wildfremden Menschen durch ein fremdes Land mit dem Rad reisen.

To be continued.

Wonder how I planned all of this? Read my to-do list here! And get started 🙂

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